Wenn Gärten erwachsen werden

24. November 2018 von Isabelle Van Groeningen
Kategorien: Gärten, Jahreszeiten, Stauden | Schlagwörter: , , , , |

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Kleinod / Gärten © Isabelle van Groeningen

Ich war diese Woche mal wieder zu Besuch bei einer Kundin, deren Garten wir vor sieben Jahren angelegt haben. Ich liebe es, Gärten zu beobachten, wie sie durch unterschiedliche Phasen der Entwicklung gehen. Dan Pearson, der berühmte englische Gartengestalter und ein enger Freund, hat mal gesagt, dass Gärten sich in Phasen von je drei Jahren entwickeln: Staudenbepflanzungen brauchen drei Jahre um ihre Fülle zu bekommen. Sträucher benötigen sechs Jahre und Bäume geben einem das Gefühl ein „Baum“ zu sein nach neun Jahren.

Die Bäume

Zierapfelspalier © Isabelle van Groeningen

Zierapfelspalier

Außer einer Reihe hoher Zierapfel-Spaliere, als schleierähnlicher Sichtschutz zum Nachbarn, hatten wir kaum Möglichkeiten Bäume zu pflanzen. Die anderen Nachbarn haben sich vehement gegen den Vorschlag gewehrt, eine riesige, schon lange gestorbene Konifere durch einen schönen, mittelgroßen Laubbaum zu ersetzen. Stattdessen steht hier jetzt ein Holunder (nichts gegen Holunder, ich liebe Holunder, aber etwas baumartiges wäre besser gewesen). Weit genug vom Nachbargrundstück entfernt, sodass sich keiner beschweren kann, steht eine Japanische Zierkirsche. Ich liebe sie als mehrstämmige Bäume. Damit sind sie während der Wintermonate so charaktervoll. Den einzigen Baum, den wir vom originalen Bestand erhalten haben, ist ein Apfelbaum. Er ist vielleicht nicht der hübschester aller Apfelbäume, aber wie so oft mit älterem Spezimen, zeigt er Persönlichkeit. Das mag ich immer gerne. Wir haben jetzt beschlossen, dieser Apfelbaum soll nun aufgeastet werden. Er hatte noch mehrere kleine Äste, die kreuz und quer Unruhe stifteten und die sollen jetzt weg, um die Stämme klarer zur Skulptur zu machen.

Prunus yedoensis © Isabelle van Groeningen

Prunus yedoensis

Sträucher

Wie immer suche ich Sträucher aus, die für die Herbst-/Winter- und Vorfrühlingszeit Freude bringen werden. Zwei echte Duftbomben für diese Zeit sind die winterblühende Heckenkirsche Lonicera purpusii, die an einer geschützten Stelle mit ihren wunderbar duftenden, bescheidenen Blüten den Winter durchblühen kann und Sarcococca hookeriana, die kleine wintergrüne Schleimbeere, eine Verwandte des Box, mit ihrem feinen Parfum. Magnolien passen auch in diese Kategorie und zwar nicht nur, weil die nicht zu große Sternmagnolie so früh im Jahr blüht. Sie bringt mir Freude bei jedem Rundgang durch den Garten. Ihre dicken, kuscheligen Blütenknospen sind unwiderstehlich und schaffen viel Vorfreude. Man sieht ab Laubfall, welche Blütenpracht einen am Ende des Winters erwartet. Hortensien gehören ebenfalls zu meinem wichtigen Herbst-/Winterbild. Die verblühten Blüten bleiben eine Zeit lang im Winter noch attraktiv. Die kräftigen Stiele der Samthortensie haben eine interessante, abblätternde Rinde, die erst im Winter gut sichtbar wird.

Kletterer

Rosenbogenblick / Gärten © Isabelle van Groeningen

Rosenbogenblick

Der Entwurf für diesen 250 qm großen Garten ist inspiriert von den kleinen, introvertierten Gärten aus dem Mittelalter. Wie ein Klostergang kann man einmal um den Garten herumlaufen. Von hier gibt es mehrere Treppen, die in den mittleren Bereich des Gartens führen. Hier ist ein kleiner Senkgarten mit Buxusparterre (einer der letzten Gärten, wo wir noch Buxus verwendet haben) entstanden. Das Parterre ist teilweise mit Stauden bepflanzt, hat aber auch noch freie Flächen für Wechselndes wie Sommerblüher, Kräuter oder Gemüse. Die „Eingänge“ zu diesem Senkgarten sind eingerahmt von einfachen Metallbögen, worüber Kletterrosen und Clematis ranken. Diese Bögen geben ein tolles Raumgefühl, ohne dass sie viel Platz oder Licht in Beschlag nehmen. Kletterrosen bekommen immer eine Clematis als Begleiter. Hierfür benutze ich gerne die viticella-Typen. Diese fangen meistens dann an zu blühen, wenn die erste Blühphase der Rosen sich dem Ende entgegen neigt und blühen durch, bis die Rosen wieder mit ihrer zweiten Blüte loslegen.

Eine Mauer ist mit einem Trompe-l‘oeil Holzgitter bekleidet. Dieses bietet natürlich auch noch reichlich Platz für weitere Kletterer, wie z. B. Geißblatt.

Stauden

Viburnum davidii © Isabelle van Groeningen

Viburnum davidii

Die formelle Struktur dieses Gartens gibt dem Auge immer wieder etwas Schönes zum Sehen. Die klaren, gerade Linien sind zwar während der Sommermonate kaum zu sehen, im Winter werden sie aber wieder sichtbar. Das informelle Muster des Parterres lockert das strenge Winterbild wieder auf. Leuchtend gelb-orange Pfeifengräser werden noch einige Monate schön sein und lockern auch das strenge Bild auf. Wie die Rosenbögen, schaffen auch diese transparente Höhe im Garten und tragen dazu bei, dass ein Raumgefühl entsteht. Einige der kurzlebenden Stauden wie die Duftnessel, haben sich schon seit langem verabschiedet. Ich verwende sie öfter, da sie sich sehr schnell entwickeln und sehr lange blühen, sodass sie während der ersten Jahre, wenn einige andere langsamere Stauden noch ein wenig Zeit brauchen um anzukommen, die Lücken füllen. Wir haben uns entschieden sie wieder zu pflanzen, da sie sehr vermisst wurden. Kann ich gut verstehen, ich vermisse sie auch im Beet hier.

Einige haben sich verselbstständigt. Die zierliche Wiesenraute Thalictrum delavayi, hat sich an einigen Stellen, die ihr gut gefallen, ausgesät. Akelei und Vergissmeinnicht natürlich auch. Ich liebe es, wenn Pflanzen sich so als angenehme Opportunisten einsiedeln und dabei von Jahr zu Jahr das Gartenbild verändern.

Stauden teilen

Oft werde ich gefragt, wie häufig man Stauden teilen soll. Meine Antwort ist immer (bestimmt unbefriedigend für einige), dass sie sich melden, wenn es so weit ist. Hier sind es einige der Pfeifengräser, die nicht mehr sehr üppig sind, da die Schwertlilien, die schon geteilt wurden, weil sie aufgehört hatten zu blühen. Wenn Sie sehen, dass Ihre Staude nicht mehr so ist wie sie mal war, dann ist es Zeit sie rauszunehmen, zu teilen und mit frischem Kompost wieder einzusetzen. Wenn sich in der Mitte eine kahle Stelle entwickelt oder wenn Ihre Astern das halbe Beet übernehmen, nicht mehr so hoch wachsen, wie sie es einmal gemacht haben oder wenn die Sedums auseinanderfallen wo sie immer so schön standen, dann ist es Zeit einzugreifen.

Die Seele eines Gartens

Der beschriebene Garten ist definitiv ein Garten mit Herz und Seele. Was bedeutet das? Es muss nicht unbedingt ein Garten sein, der perfekt gepflegt ist (obwohl dieser das definitiv ist). Ich kenne Gärten, die stehen am Rand des Untergangs, wo Brombeere und Nessel schon an der Hinterpforte vorbei sind und die trotzdem eine magische Kraft haben. Ich habe auch schon öfter Gärten besucht, die waren von vorne bis hinten geleckt, hatten aber trotzdem keine Seele. Die Seele kommt, wenn der Bewohner den Garten als „seins“ adoptiert hat und ihn liebt, wenn er mit und im Garten lebt und sich mit diesem Garten identifiziert, auch wenn er nicht unbedingt alles selbst pflegt. Mit der Zeit entwickelt sich eine Schönheit. Es ist ähnlich wie mit einer guten, langjährigen Beziehung. Da gibt es auch Höhen und Tiefen, aber wenn man sich innig liebt, hat diese Beziehung zu jeder Zeit eine spürbare Ausstrahlung.

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Isabelle Van Groeningen

Über Isabelle Van Groeningen

Dr. Isabelle Van Groeningen – Zur Person Isabelle Van Groeningen ist eine international anerkannte Gartenhistorikerin, -designerin und –beraterin, die ihre langjährige Erfahrung in diesen Bereichen sowohl durch Vorlesungen und Vorträge als auch durch schriftliche Beiträge in der Fachliteratur weitergibt. 1983 übersiedelte sie von ihrem Geburtsland Belgien nach England, um Horticulture an den Royal Botanic Gardens Kew zu studieren. Nach erfolgreichem Abschluss mit dem „Kew Diploma in Horticulture“ fertigte sie ihre Doktorarbeit im Fach historische Garten- und Landschaftsrestaurierung an der York University an. Ihr besonderes Interesse gilt der Anordnung von Stauden im Garten, von der traditionellen englischen Staudenrabatte bis hin zur lockereren ökologisch-orientierten Pflanzweise, wie sie in Deutschland und den Niederlanden praktiziert wird. Gartendesign 1992 gründete Isabelle Van Groeningen zusammen mit Gabriella Pape die Firma Land Art Ltd., deren Projekte seit Anbeginn einen weiten Bereich abdecken und sich – je nach Auftraggeber und Situation – mit historischen ebenso wie modernen Gartenanlagen befassen. Im Jahre 2000 gewann Land Art Ltd. bei der Hampton Court Flower Show eine Goldmedaille und die „Best in show“-Auszeichnung für den bis dahin größten Schaugarten mit dem Titel „Go Organic“. Dazu kam 2007 die zweithöchste Auszeichnung, eine „Silver Gilt“–Medaille, bei der weltberühmten Chelsea Flower Show für einen im Auftrag des Daily Telegraph geschaffenen Schaugarten: ein von Karl Foersters Senkgarten in Bornim bei Potsdam inspirierter Garten. Isabelle Van Groeningen hat sich schon frühzeitig dem biologischen Gärtnern verschrieben und sich zum Ziel gesetzt, umweltfreundliche Gärten schaffen. Dabei ist zum Beispiel der sparsame Umgang mit Wasser ein wichtiger Faktor sowohl bei der Gesamtgestaltung des Gartens als auch bei der Auswahl der Pflanzen.