Italienische Gartenkultur

Blick über die Altstadt - Lucca © Isabelle van Groeningen

Blick über die Altstadt von Lucca

Mit schlechtem Gewissen bin ich am Wochenende fremdgegangen. Statt an der Gartenakademie zu sein, wo am Samstag und Sonntag nebenan der Berliner Staudenmarkt im Botanischen Garten stattfand, habe ich mich endlich getraut nach Italien, nach Lucca, zu fahren. Hier findet seit Jahren am gleichen Wochenende eine Pflanzenmesse statt: Die Murabilia.

Italienische Gartenkultur

La Murabilia

Genau wie bei uns, gibt es inzwischen mehrere Garten Events in Italien. Fast jedes Wochenende gibt es irgendwo einen schönen Ort, wo pflanzenbegeisterte Menschen ihre Gärten neu bestücken können. Die Qualität ist variabel. Einige haben sich zu einem Familienausflugsziel entpuppt und bieten alles rund um das Haus an. Es gibt alles von Carports über Tischdecken, Jalousien bis hin zu Pot Pourri, Hüte, Bonbons, Handtaschen und Rasenmähern. Zwischendrin trauen sich doch noch einige Gärtnereien, die allerdings oft solche hohen Standmieten bezahlen müssen, dass es sich für viele gar nicht mehr lohnt. Von der Murabilia hatte ich allerdings schon seit langem nur Gutes gehört und da wir auf der Suche nach interessanten Gärtnereien für einige Projekten in Italien sind, war das ein guter Weg, um Neues zu entdecken.

Lucca ist bezaubernd. Die Altstadt noch völlig umgeben von seinen Stadtmauern wird durchquert von lauter kleinen Gassen und engen Straßen mit netten Piazzas. Der alte Botanische Garten mit seinen beindruckenden Ginkgobäumen liegt innerhalb der Stadtmauern und ist in einer Ecke eng an die Mauern gerückt. In diesem Bereich findet das jährliche Festival statt. Dank seiner luftigen Lage oben auf den Mauern, leicht beschattet von hohen Bäumen, herrscht eine wunderbare, festliche Atmosphäre. Leider gibt es auch hier einige Verkäufer von Leinentüchern, traditionellen Keksen, Hüten und Gewürzen, aber es hält sich in Grenzen und die größere Proportion von Gärtnereien und Baumschulen ist allerhand. Viele kommen aus der Region aber mehrere reisen von weit her aus dem Ausland an, damit sich für den Besucher die längere Anreise echt lohnt.

Pflanzenvielfalt

Alles von Zimmerpflanzen, Kakteen, Wasserpflanzen, Bambus und Gräsern, Stauden, Zwiebeln, Obst, Hortensien, Sträucher und Bäume waren im Angebot. Einige hatten recht besondere, seltene Sachen. Die sehr liebevolle, kleine slowenische Staudengärtnerei Rifnik hatte ein schönes Angebot von besonderen Stauden wie Disporum und Begonia grandis. Vom anderen Ende Europas waren Sue und Bledyn Wynn-Jones von Crug Farm Plants aus Wales angereist. Die beiden sind auf der Durchreise nach Sotchi, wo sie Pflanzen sammeln gehen. Sie waren schon in der ganzen Welt unterwegs und haben dadurch ein irrsinniges Angebot von seltenen, ungewöhnlichen Pflanzen. Deren Katalog enthält auch viele, für mich unbekannte Pflanzennamen! Ein ähnlich irrsinniges Angebot von ungewöhnlichen Gehölzen war bei Botanica la Romola Azienda Agricola zu finden. Viele besondere und besonders seltene Eichen haben mich hier angemacht, wie Quercus macrolepis ‘Hemelrijk Silver‘ mit ziemlich großen, etwas silberlichen, immergrünen Blättern und Quercus x kewensis. Da ich nicht nur in Kew studiert habe, sondern auch in Hemelrijk in Belgien bei Robert und Jelena de Belder Praktika gemacht habe, sind es zwei Bäume, die mir nah am Herz liegen. Hier habe ich mich in eine wunderbar grün-gelb gestreifte Feige unter den Namen ‘Panachée‘ verliebt.

Ficus 'Panachée' © Isabelle van Groeningen

Ficus ‘Panachée’

 

Gärtnereitradition in der Toskana

Zwischen Lucca und Florenz liegt Pistoia. Eine hübsche kleine Altstadt, mitten in einem riesigen Gebiet mit hunderten von Gärtnereien und Baumschulen. Über 5.000 Hektar werden hier von mehr als 1.200 Betrieben bewirtschaftet. Angefangen von riesigen Baumschulen, die in die ganze Welt exportieren bis hin zu kleinen, spezialisierten Produzenten. Auf den ersten Blick hat man den Eindruck, dass nichts einfach wachsen darf. Alles wird geschnitten und geformt. Eine Tradition, die Jahrhunderte alt ist. Spaliere, Hecken, Säulen, Bögen, Kegel, Kugeln, Vasen, Spiralen, Wölkchen mit Stamm oder ohne. Ob Hainbuche, Kiefer, Blauregen, Wein, Zitrus, Eiche, Zeder, Thuja, Ilex, Amberbaum, Linde oder Platane – sie werden kunstvoll geschnitten und gebunden und es wird ihnen gezeigt wo lang es gehen soll.

Spezialisierte Gärtnereien

Kleine, liebevolle Produzenten, die sich fanatisch auf ein Thema spezialisiert haben gibt es auch hier. Vivai Belfiori ist Italiens Obstspezialist. Alles was Früchte oder Nüsse produziert bieten sie in großen Mengen an. Über 100 unterschiedliche Feigen, viele alte Weinsorten, Äpfel, Birnen, Granatäpfel, aber auch Haselnüsse, Maulbeeren und Kornelkirschen. Auf der Murabilia hatten sie eine umwerfend schöne Ausstellung von vielen dieser alten Früchte gemacht. Man hätte am liebsten reingebissen um zu verkosten. Le essenze di Lea ist eine kleine Gärtnerei spezialisiert auf Phlomis und 450 Sorten Salbei, während der Vivaio Borgioli Taddei eine beeindruckende Sammlung von Hortensien hat.

Zitrus

Ich kann nicht über Italienische Gartenkultur schreiben, ohne Zitrusfrüchte zu erwähnen. Seit Helena Attlee ihr Buch über die Geschichte der Zitrusfrüchte in Italien ‚The Land where the Lemons Grow‘an der Gartenakademie vorgestellt hat, ist dieses Thema eine kleine Obsession geblieben. Daher war ich begeistert, eine spezialisierte Gärtnerei wie Oscar Tintori zu entdecken, die ein lebendiges Museum mit über 450 historischen Zitrussorten eröffnet hat. Alle sind gut beschildert und haben eine italienische/englische Erklärung über den Ursprung von jeder Frucht. Da in Florenz zu Zeiten der Medicis Zitrus seine große Popularität bekommen hat ist es passend, dass diese Gärtnerei sich hier etabliert hat. Erst seit den Fünfzigerjahren gibt es hier Zitrus. Ursprünglich war die Gärtnerei ein kleiner Schnittblumenproduzent. An der Hauswand stand ein großes altes Zitronenspalier, von dem der Großvater immer wieder Stecklingen gemacht hat, die sie dann zum Verkaufen mit auf den Markt genommen hatten. Die Frage nach seinen Zitronen nahm so zu, dass die Familie sich eines Tages entschieden hat, die Produktion umzustellen. Sie haben dann peu a peu die Sammlung mit Stecklingen von Pflanzen aus alten Gärten der Region aufgebaut.

Großeinkauf

Vannuci © Isabelle van Groeningen

Vannuci

Natürlich waren wir auch bei einem der größeren Produzenten. Vannuci Pianti bewirtschaftet inzwischen über 500 ha Land mit über 700 Mitarbeitern. Wir haben einige Bäume und Sträucher für unsere Italien-Projekte gefunden. Die Herbstzeit ist dort die beste Pflanzzeit, dies ist schon immer so gewesen. Inzwischen, mit unseren warmen, trocknen Sommern, ist es auch hier wieder die bessere Pflanzzeit. Eine Zeit lang haben sich viele Leute nicht getraut vor dem Winter zu pflanzen, aber jetzt ist die Erde noch schön warm, es gibt wieder Regenwasser und die Gehölze können in Ruhe in ihrem neuen Zuhause ankommen, bevor der Winter kommt. Dann sind sie gleich besser gewappnet für egal was für ein Frühling auf sie zukommt!