Fingerhüte

14. Juni 2020 von Isabelle Van Groeningen
Kategorien: Jahreszeiten, Pflanzen, Sommer, Übers Gärtnern | Schlagwörter: , , |

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Fingerhüte - Digitalis opportunisten © Isabelle Van Groeningen
Fingerhüte – Digitalis opportunisten

Eine unserer bezauberndsten Wildblumen sind zweifellos die Fingerhüte. Dies ist die Jahreszeit, in der ihre beeindruckend hohen, mit leuchtend purpurnen, nickenden Blumen großes Drama in schattigere Gegenden bringen. Diese werden von einer Vielzahl von Bienen und Hummeln sehr geliebt, die eifrig tief in die gefleckten Kehlen der hängenden Fingerhüte kriechen. Der botanische Name Digitalis kommt vom lateinischen digitus, oder Finger.

Opportunisten

Unsere schönen Fingerhüte sind nicht allein: Es gibt etwa 25 verschiedene Arten, von denen viele in Europa und im Nahen Osten vorkommen, meist in Waldlichtungen oder an Waldrändern im Halbschatten. Sie sind wahre Opportunisten: Sie machen es sich dort gemütlich, wo genügend Licht vorhanden ist und wo sie genügend Platz zum Wachsen und Entwickeln haben. Wo ein Baum umfällt, besiedeln sie schnell das Gebiet und nutzen das zusätzliche Licht optimal aus. Wenn benachbarte Pflanzen wieder überhandnehmen, werden sie in ein neues Gebiet umziehen.  Auf diese Weise können Gemeinschaften durch den Garten wandern, wenn sich die Bedingungen ändern.

Pflanzen Sie Fingerhüte in zwei aufeinander folgenden Jahren

Die meisten Fingerhüte sind zweijährig oder kurzlebende Stauden. Dies ist wichtig, daran zu denken. So oft beschweren sich Gartenbesitzer, dass ihre Pflanzen verschwunden sind, ohne zu erkennen, dass dies normal ist. In der ersten Jahreszeit entwickelt die Pflanze eine Blattrosette, im darauffolgenden Frühjahr geht aus dieser Rosette eine Blütenspitze hervor. Nachdem die Samen abgebunden und gereift sind, sterben die meisten Pflanzen ab. Ihre Samen werden verstreut und keimen und entwickeln sich im folgenden Jahr zu einer neuen Rosette. Daher ist es wichtig, sie zwei Jahre hintereinander zu pflanzen, um zwei parallele Gemeinschaften zu bilden.

Giftstoffe der Fingerhüte

Fingerhüte - Digitalis purpurea © Isabelle Van Groeningen
Digitalis purpurea

Digitalis ist eine giftige Pflanze, aber wie bei vielen giftigen Pflanzen wird das Gift, wenn es in der richtigen Dosis verabreicht wird, zu einem Heilmittel. Sie enthalten mehrere Substanzen, aber die für die traditionelle pflanzliche und die moderne Medizin relevantesten sind die Glykoside Digoxin (aus Digitalis lanata extrahiert) und Digitoxin (aus Digitalis purpurea extrahiert). Sie werden häufig als Medikamente zur Behandlung von Herzerkrankungen eingesetzt.

Digitalis purpurea – Roter Fingerhut

Dies ist die bekannteste. Die auch mal bis 2 m hohen Blütenstiele sind zweijährig. Die häufigste Form ist violett, aber auch blassrosa bis weiße Blüten kommen vor. Wenn Sie weiße Blüten haben (und behalten wollen), müssen Sie alle violetten aussortieren, sobald sie zu blühen beginnen.  Weiß ist genetisch rezessiv, so dass die Bienen in gemischten Gemeinschaften den Pollen der violetten Blüten verbreiten. Das Ergebnis ist ein immer größerer Anteil an violetten Sämlingen.

Sie kommen auf sauren Böden in Verbindung mit Waldgebieten in ganz Westeuropa vor, von Portugal, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Westdeutschland, den Britischen Inseln bis nach Norwegen.

Digitalis grandiflora – Großblütiger Fingerhut

Fingerhüte - Digitalis grandiflora © Isabelle Van Groeningen
Digitalis grandiflora

Die Blüten sind fast so groß wie die der häufigeren Digitalis purpurea, aber viel lockerer entlang des Blütenstiels verstreut und erreichen eine Höhe von 0,70 bis 1,20 m.  Die zarte, blassgelbe Farbe ist eine interessante Farbe für den Garten, aber die Pflanze fügt nicht die Dramatik hinzu, die gewöhnliche Fingerhüte erzeugen.

Von den Alpen, die sich in nordöstlicher Richtung über Deutschland, Polen, Österreich bis nach Sibirien ausbreiten, sieht man sie oft an kürzlich abgeholzten Hängen sprießen. 

Digitalis lutea – Gelber Fingerhut

Digitalis lutea © Isabelle Van Groeningen
Digitalis lutea

Diese zierliche, elegante Pflanze, die kaum einen Meter erreicht, kommt normalerweise an Waldrändern in kalkreicheren Böden vor. Die schlanken Blüten haben eine blasse, schwefelgelbe Farbe, die in vielen verschiedenen Farbkombinationen verwendet werden kann. Sie stammt ursprünglich aus Frankreich, der Schweiz und Italien bis hinüber nach Nordafrika.

Digitalis ferruginea – Rostfarbiger Fingerhut

Digitalis ferruginea © Isabelle Van Groeningen
Digitalis ferruginea

Diese zweijährige oder kurzlebige Staude wächst natürlich in Italien, von Kroatien bis in die Türkei, bis hinunter nach Syrien und in den Libanon. Sie verträgt Halbschatten und saure, sowie leicht alkalische Böden.  Sie wird ca. 1,2 m hoch, aus einer Rosette schmaler grundständiger Blätter mit dicht gepackten Blütenstacheln aus rostfarbenen kleinen Blüten. Ich finde, dass diese Art mit ihrem spitzen, schlanken, aufrechten Profil von allen hier beschriebenen Arten die beste Silhouette in einer Bepflanzung bildet. 

Hybriden

Im Laufe der Jahre ist eine Reihe von Hybriden aufgezogen worden. Digitalis purpurea ‘Alba’ ist eine natürlich vorkommende weiße Form mit den üblichen dunklen Flecken in der Kehle der Blüte. Eine rein weiße Form, ohne jegliche Zeichnung, ist ‘Lucas White’.

Digitalis purpurea ssp. heywoodii ‘Siler Fox’ hat wunderschönes silbriges Laub, das von reinsten weißen Blüten gekrönt wird. Dieses ist kleiner und zarter als die normalen Fingerhüte.

Digitalis ‘Pam’s Split’ hat gespaltene Blütenblätter, was einen ungewöhnlichen Effekt erzeugt. ‘Polkadot Polly’ hat eine zarte Aprikosenfarbe mit zahlreichen kleinen Punkten, während ‘Lemoncello’, die ich vor drei Jahren auf der Chelsea Flower Show zum ersten Mal entdeckt habe, erfrischend hell zitronengelb blüht. Wir haben ihn in diesem Sommer in unsere Staudenrabatte als einen der “jährlichen Lückenfüller” aufgenommen, mit denen wir die Blütezeit in die Rabatten bereichern. ‘Beauty of Roundhay’ ist eine sterile Hybride mit ziemlich zarten, schlanken Blüten, die zuverlässiger als die meisten anderen mehrjährig ist.

Digiplexis

Fingergut - Digitalis 'Glory of Roundway' © Isabelle Van Groeningen
Digitalis ‘Glory of Roundway’

Flagge Deutschland für deutsche Übersetzung – read the English text – Vor einigen Jahren wurde eine neue intergenerische Hybride zwischen Digitalis und einem nicht-winterharten Verwandten von den Kanarischen Inseln Isoplexis gezüchtet. Das Ergebnis ist eine langblühende, Fingerhut-ähnliche Pflanze mit warmen Farben. Leider scheint das Härte-Gen von Digitalis das rezessive gewesen zu sein. Da es sich aber um eine so lange, starke Blüte handelt, kann man ihre Frostempfindlichkeit verzeihen.

Fingerhüte vermehren

Fingerhüte selbstaussähend © Isabelle Van Groeningen
Fingerhut selbstaussähend

Die meisten sind leicht aus Saatgut zu ziehen. Ich säe meine Sämlinge gerne in Töpfen aus, bis sie kräftig genug sind, um ausgepflanzt zu werden. Auf diese Weise kann ich ihren Bewässerungsbedarf genau überwachen und mögliche Schädlinge und Krankheiten im Auge behalten (Schnecken können bei jungen Pflanzen ein Problem darstellen.) Es ist möglich, Jungpflanzen aus zu pflanzen, in der Hoffnung, dass sie sich selbst aussäen. Der Erfolg ist weniger vorhersehbar, und Sie haben keine Kontrolle darüber, wo sie auftauchen werden. 

Probieren Sie diese wunderbare Gattung aus – sie zaubert immer ein Lächeln auf mein Gesicht!

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Isabelle Van Groeningen

Über Isabelle Van Groeningen

Dr. Isabelle Van Groeningen – Zur Person Isabelle Van Groeningen ist eine international anerkannte Gartenhistorikerin, -designerin und –beraterin, die ihre langjährige Erfahrung in diesen Bereichen sowohl durch Vorlesungen und Vorträge als auch durch schriftliche Beiträge in der Fachliteratur weitergibt. 1983 übersiedelte sie von ihrem Geburtsland Belgien nach England, um Horticulture an den Royal Botanic Gardens Kew zu studieren. Nach erfolgreichem Abschluss mit dem „Kew Diploma in Horticulture“ fertigte sie ihre Doktorarbeit im Fach historische Garten- und Landschaftsrestaurierung an der York University an. Ihr besonderes Interesse gilt der Anordnung von Stauden im Garten, von der traditionellen englischen Staudenrabatte bis hin zur lockereren ökologisch-orientierten Pflanzweise, wie sie in Deutschland und den Niederlanden praktiziert wird. Gartendesign 1992 gründete Isabelle Van Groeningen zusammen mit Gabriella Pape die Firma Land Art Ltd., deren Projekte seit Anbeginn einen weiten Bereich abdecken und sich – je nach Auftraggeber und Situation – mit historischen ebenso wie modernen Gartenanlagen befassen. Im Jahre 2000 gewann Land Art Ltd. bei der Hampton Court Flower Show eine Goldmedaille und die „Best in show“-Auszeichnung für den bis dahin größten Schaugarten mit dem Titel „Go Organic“. Dazu kam 2007 die zweithöchste Auszeichnung, eine „Silver Gilt“–Medaille, bei der weltberühmten Chelsea Flower Show für einen im Auftrag des Daily Telegraph geschaffenen Schaugarten: ein von Karl Foersters Senkgarten in Bornim bei Potsdam inspirierter Garten. Isabelle Van Groeningen hat sich schon frühzeitig dem biologischen Gärtnern verschrieben und sich zum Ziel gesetzt, umweltfreundliche Gärten schaffen. Dabei ist zum Beispiel der sparsame Umgang mit Wasser ein wichtiger Faktor sowohl bei der Gesamtgestaltung des Gartens als auch bei der Auswahl der Pflanzen.