Tanzende Akeleien

30. Mai 2021 von Isabelle Van Groeningen
Kategorien: Frühling, Jahreszeiten, Pflanzen, Sommer, Übers Gärtnern | Schlagwörter: , , |

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Aquilegia 'Yellow Queen' © Isabelle Van Groeningen

– read in English – Wie Sie wissen, habe ich eine Vorliebe für Opportunisten. Pflanzen, die in meinem Garten ihr Zuhause gefunden haben und von Jahr zu Jahr umziehen, um einen geeigneten Platz zum Wachsen und Gedeihen zu finden. Ich liebe die Dynamik, die das in meinen Garten bringt. Er wird nie zwei Jahre hintereinander gleich aussehen.

Akeleien sind dafür unverzichtbar, und im Laufe der Jahre sind sie zu einer Art Markenzeichen von mir geworden. Selten verlässt ein Pflanzplan meinen Schreibtisch, in dem nicht die eine oder andere Akelei markiert ist. Sie bringen frühe Farbe in die Beete und überbrücken die Lücke zwischen der Blumenzwiebelsaison im Frühjahr und der Staudenschau im Frühsommer. Es ist keine Pflanze, die Passanten zum Stehenbleiben bringen wird, aber ihr bescheidener Charme macht sie sehr liebenswert. Ich liebe besonders die größeren, langspornigen Sorten wie Aquilegia chrysantha ‘Yellow Queen’ (siehe Bild oben), da sie hoch über den dann noch kleinen Stauden schweben und viel Bewegung und Lebendigkeit in ein Beet bringen. Sie erinnern mich immer an Schwalben, die zum Wasser hinabtauchen.

Deshalb war ich entsetzt, als ich las, dass ein pilzlicher Erreger, genannt Falsches Mehltau, der die Akeleien in Großbritannien stark befallen hatte, nun auch das europäische Festland erreicht hat und in einem Garten in Niedersachsen festgestellt wurde. Er stammt wahrscheinlich aus Asien und zerstört das Blattwerk der Pflanzen. Touchwood Plants, die walisische Gärtnerei, die die Nationale Aquilegiensammlung beherbergte, musste 2018 schließen und die Sammlung vernichten, da diese Pilzkrankheit ihren Bestand komplett zerstört hatte.

Verbreitung

Es gibt über 50 Arten, die über die gesamte nördliche Hemisphäre verteilt sind und auf Wiesen und in halbschattigen Waldgebieten wachsen, einige kommen auch in höheren Lagen vor. Es ist eine Pflanze, die seit vielen Jahrhunderten in unseren Gärten vorkommt und schon auf Van Eijcks berühmtem Altarbild ‘Het Lam Gods’ abgebildet ist, das 1432 in Gent eingeweiht wurde.  Sie ist eine echte Bauerngartenpflanze.

Morphologie

Aquilegias haben im Frühjahr attraktives gelapptes Laub, meist graugrün, manchmal mit einem Hauch von Violett. Über einem niedrigen Laubhügel wachsen hohe, dünne Blütenstiele, die zahlreiche Blüten tragen, die je nach Art meist hoch herumflattern.  Die Blüten bestehen aus fünf Kelchblättern, die Insekten anlocken sollen, und umschließen fünf Kronblätter. Diese haben den länglichen, röhrenförmigen Sporn, in dem der Nektar sitzt, was diese Pflanze bei Bienen so beliebt macht. In Europa sind es vor allem Hummeln, die an diesen Nektar gelangen können, da sie in der Regel einen Rüssel haben, der lang genug ist, um bis in den Boden dieser Sporne zu reichen. Diejenigen, die das nicht können, schummeln manchmal und machen ein Loch an der Seite, um an den Nektar zu gelangen. Viele der Hybriden, die heute im Handel sind, haben gefüllte, fast pomponartige Blüten, die nur sehr kurze oder gar keine Sporne haben.  Die nordamerikanischen Arten A. longissima und A. chrysantha haben besonders lange, elegante Sporne, die von Schwärmern bestäubt werden, daher die gelbe Farbe. Kolibris stehen auf Rot und sind daher die Bestäuber von A. schocklei, während in Europa die Farbpalette von A. alpina und A. vulgaris in Blau- und Violett-Tönen gehalten ist, die für Hummeln attraktiv sind. 

Aquilegia longissima © Isabelle Van Groeningen
Aquilegia longissima

Pflege

Sie sind einfach zu pflegen. Versteckt zwischen höheren Stauden werden sie im Sommer kühl gehalten, so dass sie sich auch in einem sehr sonnigen Beet wohlfühlen. In einem halbschattigen Garten gedeihen sie ebenso gut, wobei ihnen trockenere Bedingungen nichts ausmachen.

Nach der Blüte, sobald sie Samen angesetzt haben, verlieren diese frühen, kurzlebigen Stauden ihren Reiz. Meist schneide ich meine nach der Blüte zurück, um die Pflanze an der Selbstaussaat zu hindern, es sei denn, ich möchte sie vermehren. Sie neigen dazu, ziemlich promiskuitiv zu sein und werden leicht mit jeder anderen Akelei in der Nachbarschaft hybridisieren, was zu gemischten Nachkommen führt. Ich habe festgestellt, dass meine Barlows nach einigen Jahren mehrheitlich blassrosa werden und die interessanteren dunkleren Farben verlieren. Wenn Sie eine bestimmte Art haben, die Sie “rein” halten wollen, stellen Sie sicher, dass Sie sie nicht in der Nähe von anderen Pflanzen steht.

Ihr physischer Präsenz wird im Laufe des Sommers schwinden, weshalb ich sie lieber zwischen anderen, später blühenden Stauden einstreue, als sie in größeren Gruppen zu pflanzen. Sie vertragen sich gut mit spätsommerlichen, herbstlichen Begleitern wie Astern und Gräsern, die den Platz einnehmen, den sie hinterlassen.

Europäische Arten:

Aquilegia vulgaris (Gewöhnlicher Akelei)

Diese Gewöhnliche Akelei kommt natürlich in West-, Mittel- und Südeuropa bis in die Ukraine vor. Sie erreicht 65 cm, hat meist violett-blaue nickende Blüten, gelegentlich auch rosa oder weiß. Sie wächst im lichten Schatten, vorzugsweise auf leicht kalkhaltigem Boden. Viele der bekannten Gartenhybriden sind aus dieser Pflanze hervorgegangen.

‘William Guiness’ hat einzigartige kastanienbraune, fast schwarze Blüten. Der Rand der Blütenblätter ist reinweiß, so dass das Ganze wie ein Glas des berühmten irischen Gebräus aussieht. In meinem Garten in Coleshill habe ich sie zusammen mit Geranium phaeum ‘Samobar’ gepflanzt. Es blüht zu einer ähnlichen Zeit, von ähnlicher Höhe (65cm) und Farbe, aber in umgekehrter Richtung: Die Blütenblätter haben ebenfalls diese dunkle kastanienbraune Farbe, aber statt weißer Spitzen hat sie einen weißen Fleck an der Basis der Blütenblätter. 

Aquilegia 'Rose Barlow' © Isabelle Van Groeningen
Aquilegia ‘Rose Barlow’

Aquilegia vulgaris var. stellata enthält eine Reihe von spornlosen, dicht gefüllten Pomponblüten, die besonders beliebt sind. Wahrscheinlich am bekanntesten ist ‘Nora Barlow’ mit weiß gespitzten, rosa Blütenblättern. Diese Hybride wurde nach der Enkelin von Charles Darwin benannt, die als Genetikerin auch an der Kreuzung von Aquilegien interessiert war. ‘Blue Barlow’ ist dunkelblau, ‘Black Barlow’ sehr dunkel rötlich-schwarz, ‘Ruby Port’ sehr dunkelrot und ‘Green Apples’ rein weiß.

Aquilegia alpina (Alpen Akelei)

Diese relativ kurzspornige Pflanze, die in den Alpen und im Apennin in großer Höhe wächst, bevorzugt einen eher sauren Boden mit viel organischem Material. Sie wird etwa 40 cm hoch und ihre Farbe variiert von blau bis zu violetten Schattierungen. 

Nordamerikanische Arten:

Aquilegia coerulea (Langspornige Akelei)

Diese Pflanze stammt aus den Rocky Mountains und ist auch als Colorado Blue Columbine bekannt und ist die Nationalblume für den Staat Colorado. Wie der Name schon sagt, ist sie blau. 

Es gibt eine Reihe von beliebten, meist langspornigen Gartenhybriden, die wahrscheinlich aus Kreuzungen mit A. chrysantha oder A. longissima entstanden sind, die in unseren Gärten häufig vorkommen. ‘Mrs. M. Nicholls’ ist ein bezauberndes helles Blau und Weiß, ‘Crimson Star’ (rot und weiß), ‘Kristall’ ist rein weiß. Diese werden etwa 50 cm hoch, während ‘McKana’ mit gemischten Farben bis zu 80 cm hoch wird.  Eher der Art entsprechend hat ‘Biedermeier’ sehr kurze, hakenförmige Sporne, in Weiß-Rosa und Violett, aber ihre Blüten zeigen mehr zum Himmel hinauf.

Aquilegia canadensis (kanadische Akelei)

Aquilegia canadensis © Isabelle Van Groeningen
Aquilegia canadensis

Diese Pflanze ist in leicht schattigen Wäldern im östlichen Nordamerika zu finden. Sie wird nur etwa 30 cm hoch und hat recht kompakte orange-rote und gelbe Blüten, die starr nach unten zeigen. ‘Little Lanterns’ ist die am häufigsten anzutreffende Selektion. 

Aquilegia chrysantha (Gold Akelei)

Die Sporne dieser großblumigen Art können bis zu 7 cm lang werden und geben ihr eine schöne Silhouette im Beet. Die Form ‘Yellow Queen’ ist die am häufigsten in Gärtnereien anzutreffende, sie ist noch größer als die Art und kann bis zu 1,5 Meter hoch werden. Sie hat eine bemerkenswert lange Blütezeit, da sie bis in den August hinein ihre Blüten produziert. Im Gegensatz zu vielen anderen Arten, deren Blüten eher nach unten gerichtet sind, hebt diese Art ihr Gesicht stolz zum Himmel empor. Eine leider nur selten angebotene Weiße Variante ist ‘Silver Queen‘. Aquilegia longissima ist der A. chrysantha nicht unähnlich, nur dass ihre Sporne noch länger sind und bis zu 10 cm erreichen. Sie wird nur selten von Gärtnereien angeboten.

Asiatische Art:

Aquilegia flabellata var pumila (Zwerg-Fächer-Akelei)

Die Sorte ‘Ministar’ ist eine kompakte, niedrig wachsende Pflanze von 15cm Höhe, ideal für alle, die nur eine Terrasse oder einen Balkon haben. Blassblaue und weiße Blüten sitzen knapp über dem Laub.

Aquilegia viridiflora

Diese zierliche Art mit ungewöhnlicher Grün- und Braunfärbung stammt aus Südsibirien, China und Japan. Eine Selektion namens ‘Chocolate Soldiers’ ist oft in Gärtnereien zu finden. Sie ist kleiner als die meisten Akeleien, hat feiner geschnittenes Laub und ihre Blüten neigen dazu, wie kleine Glöckchen zu nicken.

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Über Isabelle Van Groeningen

Dr. Isabelle Van Groeningen – Zur Person Isabelle Van Groeningen ist eine international anerkannte Gartenhistorikerin, -designerin und –beraterin, die ihre langjährige Erfahrung in diesen Bereichen sowohl durch Vorlesungen und Vorträge als auch durch schriftliche Beiträge in der Fachliteratur weitergibt. 1983 übersiedelte sie von ihrem Geburtsland Belgien nach England, um Horticulture an den Royal Botanic Gardens Kew zu studieren. Nach erfolgreichem Abschluss mit dem „Kew Diploma in Horticulture“ fertigte sie ihre Doktorarbeit im Fach historische Garten- und Landschaftsrestaurierung an der York University an. Ihr besonderes Interesse gilt der Anordnung von Stauden im Garten, von der traditionellen englischen Staudenrabatte bis hin zur lockereren ökologisch-orientierten Pflanzweise, wie sie in Deutschland und den Niederlanden praktiziert wird. Gartendesign 1992 gründete Isabelle Van Groeningen zusammen mit Gabriella Pape die Firma Land Art Ltd., deren Projekte seit Anbeginn einen weiten Bereich abdecken und sich – je nach Auftraggeber und Situation – mit historischen ebenso wie modernen Gartenanlagen befassen. Im Jahre 2000 gewann Land Art Ltd. bei der Hampton Court Flower Show eine Goldmedaille und die „Best in show“-Auszeichnung für den bis dahin größten Schaugarten mit dem Titel „Go Organic“. Dazu kam 2007 die zweithöchste Auszeichnung, eine „Silver Gilt“–Medaille, bei der weltberühmten Chelsea Flower Show für einen im Auftrag des Daily Telegraph geschaffenen Schaugarten: ein von Karl Foersters Senkgarten in Bornim bei Potsdam inspirierter Garten. Isabelle Van Groeningen hat sich schon frühzeitig dem biologischen Gärtnern verschrieben und sich zum Ziel gesetzt, umweltfreundliche Gärten schaffen. Dabei ist zum Beispiel der sparsame Umgang mit Wasser ein wichtiger Faktor sowohl bei der Gesamtgestaltung des Gartens als auch bei der Auswahl der Pflanzen.